{"id":5338,"date":"2024-11-20T15:35:50","date_gmt":"2024-11-20T15:35:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.tchop.io\/?p=5338"},"modified":"2024-11-20T15:44:56","modified_gmt":"2024-11-20T15:44:56","slug":"enshittification-wie-digitale-plattformen-untragbar-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/enshittification-wie-digitale-plattformen-untragbar-werden\/","title":{"rendered":"\u201eEnshittification\u201c: Wie digitale Plattformen mit der Zeit untergehen"},"content":{"rendered":"\n<p>In seinem Marshall-McLuhan-Vortrag auf dem Transmediale-Festival in Berlin im Januar 2024 stellte <a href=\"https:\/\/pluralistic.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Cory Doctorow<\/a> ein spannendes Konzept vor: die \u201eEnshittification\u201c (wir verwenden im folgenden den englischen Begriff, der deutsche h\u00f6rt sich nicht besser an). Dieser Begriff beschreibt treffend und provokativ den unvermeidlichen Niedergang aller kommerziellen digitalen Plattformen. Doctorows Analyse zeigt, wie Plattformen wie Facebook, Twitter oder Amazon einem vorhersehbaren Muster folgen \u2013 vom benutzerfreundlichen Beginn \u00fcber zunehmende Ausbeutung bis hin zum letztendlichen Zusammenbruch unter dem Gewicht ihrer eigenen Gier.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Blogbeitrag beleuchten wir Doctorows Vortrag und die Kernbotschaften seiner Argumentation. F\u00fcr alle, die heute viel investieren in relevante Plattformen, ist dies eine besonders spannende Analyse. Denn sie zeigt wie endlich diese Werkzeuge letztlich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bedeutet \u201eEnshittification\u201c, wie funktioniert sie, und was k\u00f6nnen wir tun, um uns dagegen zu wehren?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was ist Enshittification?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Doctorow beschreibt die Enshittification als einen dreistufigen Lebenszyklus, den praktisch alle zentralistischen, digitale Plattformen durchlaufen:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Die benutzerzentrierte Phase<\/strong><br>Zu Beginn konzentrieren sich Plattformen darauf, ihren Nutzenden echten Mehrwert zu bieten. Dies ist die \u201egoldene \u00c4ra\u201c der Plattform: Die Services sind kostenlos oder g\u00fcnstig, das Nutzungserlebnis ist reibungslos, und Nutzende f\u00fchlen sich ernstgenommen. Ziel ist es, so viele Nutzende wie m\u00f6glich zu gewinnen, zu skalieren und viele Marktanteile zu sichern. Beispiele hierf\u00fcr sind Facebook in seinen fr\u00fchen Jahren, als es noch werbefrei war, oder Amazon, das einst mit Rabatten und kostenlosem Versand lockte.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die gesch\u00e4ftsorientierte Phase<\/strong><br>Sobald Plattformen eine kritische Masse an Nutzenden erreicht haben, verschiebt sich der Fokus auf Gesch\u00e4ftskunden. Jetzt werden Werbetreibende, Verk\u00e4ufer oder Drittanbieter in den Vordergrund ger\u00fcckt, w\u00e4hrend die Nutzenden und die von Ihnen generierten Inhalte und Daten zur Ware werden. Werbung nimmt immer mehr zu, Algorithmen bevorzugen gesponserte Inhalte, und die Qualit\u00e4t des Nutzererlebnisses beginnt zwangsl\u00e4ufig zu sinken.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die selbstzentrierte Phase<\/strong><br>In der Endphase beginnen Plattformen, sowohl Nutzende als auch Gesch\u00e4ftskunden auszubeuten, um maximale Profite zu erzielen. Die Nutzer werden mit Werbung \u00fcberschwemmt, und die Plattform manipuliert ihre Interaktionen, um den Umsatz zu steigern. Gleichzeitig steigen die Kosten f\u00fcr Gesch\u00e4ftskunden, w\u00e4hrend deren Nutzen abnimmt. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist Amazon, das nicht nur Drittanbieter unter Druck setzt, sondern auch mit eigenen Produkten konkurriert. Aber auch auf Facebook ist dies schon lange sichtbar. <\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Am Ende f\u00fchrt diese kurzfristige Profitgier zum Niedergang und Verfall der Plattform.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum kommt es irgendwann zu Enshittification?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Doctorow argumentiert, dass Enshittification kein Zufall ist. Sie ist das Ergebnis bewusster Entscheidungen von F\u00fchrungskr\u00e4ften und Anteilseignern, der hinter den Plattformen stehenden Organisationen. Sobald Plattformen gro\u00df genug sind, stehen sie unter Druck, immer h\u00f6here Gewinne zu erzielen \u2013 oft auf Kosten der langfristigen Nachhaltigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Mechanismen, die diesen Prozess antreiben, umfassen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Monopolmacht<\/strong>: Plattformen streben die Kontrolle \u00fcber ihren Markt an und lassen Nutzenden sowie Gesch\u00e4ftskunden kaum Alternativen. Sobald die Nutzenden wenig bis keine M\u00f6glichkeiten haben zu wechseln, k\u00f6nnen Plattformen die Qualit\u00e4t ohne Konsequenzen verschlechtern.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Datenextraktion<\/strong>: Plattformen nutzen umfassende \u00dcberwachung (oft auch \u00fcber die eigene Plattform hinaus), um Benutzerdaten zu sammeln und zu monetarisieren \u2013 oft ohne die explizite Zustimmung der Nutzenden.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Algorithmische Manipulation<\/strong>: Algorithmen werden so gestaltet, dass sie <a href=\"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wie-baut-man-eine-loyale-digitale-community-auf\/\">Engagement<\/a> maximieren (und damit Werbeeinnahmen), oft durch die F\u00f6rderung polarisierender oder sensationsheischender Inhalte. Ein Ph\u00e4nomen, welches heute auch in anderen Kontexte immer mehr diskutiert wird. <\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Laut Doctorow ist Enshittification kein unausweichliches Schicksal, kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis bewusster Entscheidungen. Trotzdem zeigt die Geschichte digitaler Plattform sehr deutlich diese Muster.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Beispiele f\u00fcr Enshittifizierung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Doctorow nennt in seinem Vortrag mehrere Beispiele, um den Prozess der Enshittifizierung zu verdeutlichen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Facebook<\/strong>: Einst ein Ort f\u00fcr die Verbindung mit Freunden, ist Facebook heute eine werbe\u00fcberladene Plattform voller Desinformation und manipulativer Algorithmen. Der Fokus liegt auf Engagement-Metriken und Werbeeinnahmen, immer weniger Nutzende sind dort aktiv, viele sind abgewandert zu Instagram oder Linkedin.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Amazon<\/strong>: Was als benutzerfreundlicher Marktplatz begann, hat sich zu einem Raum entwickelt, in dem Drittanbieter unter hohen Geb\u00fchren leiden, w\u00e4hrend Amazon selbst die Konkurrenz durch eigene Produkte untergr\u00e4bt. <\/li>\n\n\n\n<li><strong>X (ehemals Twitter)<\/strong>: Vor den j\u00fcngsten Entwicklungen war Twitter bereits auf dem Weg der Enshittification, indem es bezahlte Inhalte und gesponserte Tweets priorisierte. Mit dem Kauf durch Elon Musk hat sich dieser Prozess nun nochmals auf einem anderen Niveau beschleunigt. Immer mehr Unternehmen und Marken verlassen die Plattform gerade.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Doctorow erweitert seine Analyse \u00fcber die Tech-Welt hinaus und zeigt, wie \u00e4hnliche Dynamiken auch in anderen Branchen, wie dem Gesundheitswesen oder Einzelhandel, sichtbar werden. Das Prinzip ist n\u00e4mlich keinesfalls nur auf <a href=\"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/warum-social-media-ein-wettlauf-nach-unten-ist-und-wie-wir-das-aendern-koennen\/\">Soziale Medien<\/a> beschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kann Enshittification gestoppt werden?<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Doctorow zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass Enshittification umkehrbar ist. Der erste Schritt ist das Erkennen der Muster. Sobald wir verstehen, wie Plattformen Nutzer und Gesch\u00e4ftskunden ausbeuten, k\u00f6nnen wir Rechenschaft einfordern und Ver\u00e4nderungen ansto\u00dfen. Zu seinen vorgeschlagenen L\u00f6sungsans\u00e4tzen geh\u00f6ren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Regulierung<\/strong>: Regierungen sollten Kartellgesetze durchsetzen, um Monopole zu zerschlagen und den Wettbewerb zu f\u00f6rdern.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Interoperabilit\u00e4t<\/strong>: Offene Standards und Protokolle k\u00f6nnten es Nutzenden erm\u00f6glichen, Plattformen zu wechseln, ohne ihre Daten oder sozialen Verbindungen zu verlieren (auch dies letztlich eine Forderung, die von der Regulierung kommen sollte.)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Kollektives Handeln<\/strong>: Nutzer und Arbeitnehmer k\u00f6nnen sich zusammenschlie\u00dfen, um bessere Praktiken zu fordern, sei es durch Boykotte, Gewerkschaften oder Aktivismus.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Implikationen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Doctorows Rede wirft eine zentrale Frage auf: Wie viel Kontrolle \u00fcber unsere digitalen &#8222;R\u00e4ume&#8220; sind wir bereit abzugeben? Plattformen, die einst versprachen, uns zu verbinden und zu st\u00e4rken, sind oft zu Werkzeugen der kommerziellen Ausbeutung, zum Ausgang von Fake <a href=\"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/10-entwicklungen-nachrichtenjournalismus-2026\/\">News<\/a> und Hate Speech geworden. Diese Entwicklung fordert uns Gesellschaft und Regierungen heraus, neue Wege zu finden, wie Technologie in unserer Gesellschaft wirken sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Enshittification ist keine unaufhaltsame Entwicklung. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen \u2013 und kann durch andere Entscheidungen r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Indem wir diese Mechanismen verstehen und Ver\u00e4nderungen einfordern, k\u00f6nnen wir uns eine Zukunft vorstellen, in der Plattformen den Menschen dienen und nicht den Profiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer tiefer in Doctorows Gedanken eintauchen m\u00f6chte, findet den vollst\u00e4ndigen Text seines Vortrags auf <a href=\"https:\/\/pluralistic.net\/2024\/01\/30\/go-nuts-meine-kerle\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pluralistic<\/a>. Ein absolutes Muss f\u00fcr alle, die sich mit dem Zustand des Internets heute einmal auf eine andere Weise auseinandersetzen wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem Marshall-McLuhan-Vortrag auf dem Transmediale-Festival in Berlin im Januar 2024 stellte Cory Doctorow ein spannendes Konzept vor: die \u201eEnshittification\u201c (wir verwenden im folgenden den&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":5322,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[56,184,187,186],"tags":[68,95],"coauthors":[191],"class_list":["post-5338","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","category-anwendungsfaelle","category-community","category-nachrichten-medien","tag-content-de","tag-technology-de"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5338","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5338"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5338\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5341,"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5338\/revisions\/5341"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5322"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5338"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5338"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.tchop.io\/de\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=5338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}